Wie entstehen Zuschreibungen, Stereotype und das gesellschaftliche „Anders-gemacht-Werden“ – und welche Konsequenzen hat das für die kuratorische und dramaturgische Praxis? Die Veranstaltung verbindet sozialpsychologische Erkenntnisse mit den Erfahrungen von Künstler*innen und Kulturakteur*innen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen.
Ausgangspunkt sind die Erkenntnisse des Psychologen Bertolt Meyer aus seinem Buch „Anders. Was wir aus der Psychologie über den Umgang mit Unterschieden lernen können“. Sie eröffnen eine neue Perspektive auf die Entstehung gesellschaftlicher Zuschreibungen und bilden den Ausgangspunkt für die zentrale Frage der Veranstaltung: Wie können Kulturinstitutionen Repräsentation so gestalten, dass sie Vielfalt sichtbar macht, ohne Othering zu reproduzieren? Welche Rolle spielen dabei kuratorische Entscheidungen, Dramaturgien, Sprache und institutionelle Routinen?
Ziel der Veranstaltung ist es, den Teilnehmenden Wissen und Handlungssicherheit zu vermitteln, damit Vielfalt in der Programmarbeit differenziert gestaltet werden kann – jenseits von Stereotypen, Othering und symbolischer Repräsentation.
Othering
Othering (auf Deutsch etwa „Anders bzw. Fremd Machen“) beschreibt ein Phänomen, bei dem eine gesellschaftliche Gruppe von einer anderen abgrenzt wird, indem sie als anders, fremd, exotisch oder sogar „abnormal“ gekennzeichnet wird. Dabei werden Unterschiede betont und Gemeinsamkeiten nicht beachtet. Die Gruppen werden dadurch als sehr geschlossen und starr dargestellt. In der Berichterstattung über Menschen mit Behinderung wird oft das Besondere und Außergewöhnliche hervorgehoben, anstatt die Behinderung als eine Eigenschaft neben vielen anderen zu verstehen.
Podium
Bertolt Meyer, geboren 1977 in Hamburg, ist Hochschullehrer, Psychologe, Forscher und Autor. Sein Impuls bildet den Auftakt für das Podium. Als Moderator der Wissenschaftssendung Agree to Disagree! auf arte bringt er seinem Publikum komplexe Themen auf verständliche Weise näher. Bertolt Meyer ist ohne linken Unterarm zur Welt gekommen und engagiert sich für eine inklusive Gesellschaft. Er forscht an der TU Chemnitz zu Vielfalt in der Gesellschaft und Arbeitswelt und zu den gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung. 2024 erhielt er den Preis des Deutschen Hochschulverbands als Hochschullehrer des Jahres.
Lisa Zocher, geboren in Leipzig, begann mit elf Jahren im Tanzlabor Leipzig, einer semiprofessionellen Company, zu tanzen und sammelte dort erste Erfahrungen im zeitgenössischen Tanz. Sie arbeitete in diversen Produktionen mit verschiedenen Choreograf*innen, wie unter anderem Gesa Volland, Marlen Schumann, Roman Windisch und Liron Dinovitz zusammen. Lisa Zocher ist seit der Gründung der FORWARD DANCE COMPANY 2020 Teil des Ensembles.
Pierre Zinke wurde in Dresden geboren und arbeitet seit 2014 als freischaffender Künstler. Seine ersten Bühnenerfahrungen sammelte er bei farbwerk e. V. in Dresden. Dort wirkte er in zahlreichen Produktionen im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden mit, darunter „Das Katzenhaus, Geh und rette die Welt“ sowie „Glück, glücklicher, am glücklichsten“. 2018 war er als Komparse in Adina Pintilies Dokumentarfilm „Touch Me Not“ zu sehen. 2023 wirkte er in der Produktion „Difference – Entspanntes Tanztheater für alle“ von Wagner Moreira an den Landesbühnen Sachsen mit. Darüber hinaus absolvierte Pierre Zinke am Tanzlabor Leipzig eine Qualifizierung zum Mixed-Abled-Tanzanleiter. Sein künstlerisches Verständnis beruht auf der Überzeugung, dass jeder Mensch tanzen und sich durch Bewegung ausdrücken kann.
Charlotte Orti von Havranek, Dramaturgin, Kuratorin und Produktionsleiterin, studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Hamburg und war Regieassistentin und Dramaturgin am Theater Vorpommern. Ab 2001 war sie Tanzdramaturgin, von 2007-2017 Schauspieldramaturgin am Staatstheater Braunschweig. Ab 2011 koordinierte sie in Braunschweig außerdem das von Barbara Engelhardt kuratierte europäische Festival für junge Regie Fast Forward und verantwortete das Rahmenprogramm des Festivals, dessen künstlerische Leiterin sie von 2018-2025 am Staatsschauspiel Dresden als Kuratorin war. In der Spielzeit 2026/2027 übernahm sie die Produktionsleitung für die Inszenierung NEUER VERSUCH der Fast Forward Preisträger 2024 Clément und Guillaume Papachristou.